Weltweit aktive Forschung sehr mehr als 100 Jahren

Ein so arten- und formenreicher Lebensraum wie die Tiefsee übt auf Biologen eine besondere Faszination aus. Nirgends auf der Erde entdecken sie so viele neue Organismen wie gerade hier; selten wird ihr Können so stark herausgefordert, wie wenn es darum geht, Neues in das bestehende Wissen zu integrieren, Theorien und Vorstellungen zu erweitern und damit die Biosphäre ein Stück besser zu verstehen. Eine große Herausforderung ist es auch, Erklärungen für die hohe Biodiversität, die Vielfalt der Arten und des Lebens zu finden, obwohl die ökologischen Bedingungen in den Tiefen der Weltmeere viel gleichmäßiger sind als an allen anderen Orten unserer Erde. Es wundert also nicht, dass die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung schon früh in dieses Gebiet vordrang.

Die Tradition der Tiefsee-Forschung im Hause Senckenberg begann bereits vor mehr als 100 Jahren auf dem Dampfer ‚Valdivia‘. Unter der Leitung von Carl Chun begab sich die Valdivia 1898/99 auf ihre erste große Tiefsee-Expedition. Mit an Bord waren auch mehrere Senckenberg-Forscher, die zahlreiche wertvolle Stücke gewannen, welche heute u.a. im Senckenberg-Museum in Frankfurt am Main aufbewahrt werden.

Nachdem die deutsche Tiefseeforschung während des zweiten Weltkrieges völlig zum Erliegen kam, startete Senckenberg im Dezember 1964 mit einem neuen meeresgeologischen Programm, das letztendlich den Ausgangspunkt für die moderne Tiefseeforschung im Hause Senckenberg bildet. Damals kamen in Aden HANS-ERICH REINECK und WOLFGANG FRIEDRICH GUTMANN an Bord des Forschungsschiffes Meteor, um vor der ostafrikanischen Küste zwischen Aden und Mombasa den von REINECK kurz zuvor entwickelten Kastengreifer erstmals in der Tiefsee einzusetzen.

Später verlagerte sich das Hauptarbeitsgebiet der deutschen Tiefseeforschung vom Indischen Ozean in den Atlantik. Einen ersten Schwerpunkt bildeten die nordostatlantischen Kuppen (Seeberge) zwischen Portugal und den Azoren. Im Frühjahr und Sommer 1967 beteiligte sich MANFRED GRASSHOFF, der kurz zuvor bei Senckenberg die neu gegründete Sektion für Marine Evertebraten übernommen hatte und an Hornkorallen (Gorgonaria) arbeitete, an den biologischen Untersuchungen mit der Meteor. Auf den Kuppen und ihren Hängen waren diese Organismen sehr zahlreich vertreten, so dass sich der Einsatz lohnte. Diese Fänge bereichern noch heute die Sammlung der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung.

Mitte der 1970er Jahre begann das nächste Großprojekt, bei dem deutsche Meeresbiologen versuchten, die Ursachen des Fischreichtums in den so genannten Auftriebsgebieten zu erkunden. Dies sind Regionen an den Westseiten der großen Kontinente, an denen Tiefenwasser aufsteigt und den sonst so nährstoffarmen subtropischen Ozean so stark mit Nahrung anreichert, dass er zu einem sehr ertragreichen Fischereigebiet wird. Unter der Fahrtleitung von HJALMAR THIEL von der Universität Hamburg wurde in drei Untersuchungsgebieten die Bodentierwelt in Tiefen von 100 bis 3000 Metern erfasst. Hierbei waren die Fänge im zentralen Auftriebsgebiet selbst in Meerestiefen von 2 000 und 3 000 Metern enorm, was bewies, dass der Nahrungseintrag des ozeanischen Auftriebes bis in die Tiefsee hinein Wirkung zeigt und nicht nur ein Phänomen des Schelfes ist.

Ein besonders interessantes Tiefsee-Forschungsgebiet ist das Mittelmeer, denn dieses ist als Binnenmeer von der ozeanischen Tiefenzirkulation ausgeschlossen und hat damit ähnliche Eigenschaften wie das Rote Meer. In beiden ist das Tiefseewasser deutlich wärmer als das des freien Ozeans. Wie funktionieren solche außergewöhnlichen Tiefsee-Ökosysteme, die durch große Arten- und Individuenarmut gekennzeichnet sind? Welche Rolle spielt die Tiefe, welche der Nährstoffeintrag von Land? Mit diesen und anderen Fragen beschäftigte sich eine Pilotstudie im Jahre 1987, die die extreme Nahrungsarmut im warmen bestätigte und die geringe Präsenz großer Organismen gezeigt, aber eine gründliche Bestandsaufnahme der Nährstoffe in den Sedimenten und aller Größenklassen der Tiefseetiere fehlte noch. Senckenberg wandte sich an die Deutsche Forschungsgemeinschaft, diesmal mit einem großen Team verschiedener in- und ausländischer Universitäten und Forschungsinstitute, die Expertise für sehr unterschiedliche Fachgebiete mitbrachten. Das Konzept überzeugte und die Meteor stach unter senckenbergischer Fahrtleitung, am 12. Mai 1993 von Malaga aus in See. Diese erste Mittelmeer-Reise war einer großräumigen vergleichenden Bestandsaufnahme gewidmet, um regionale Unterschiede zu erkennen. Die geographische Region reichte vom Golf von Tarent über das Ionische Meer einschließlich der tiefen Becken über 4000 m bis zu den Seegebieten vor Ägypten und Israel. Die Ergebnisse zeigten eine große räumliche Uneinheitlichkeit, die klar machte, dass die auf Biodiversität und Biomasse einwirkenden Faktoren kleinräumig und im Detail analysiert werden müssen. Das geschah auf einer weiteren Meteor-Expedition von Dezember 1997 bis Januar 1998, die in das Seegebiet um Kreta und zum Sporaden-Becken der nördlichen Ägäis führte. Nach erneuten Datenanalysen wurde klar, dass auch der Transport von Nährstoffen von Land und aus dem flacheren Wasser eine nicht unerhebliche Rolle spielt. Diese Zusammenhänge wurden daraufhin in einer vergleichenden Studie zwischen dem küstennahen, tiefen Lerapetra-Becken (4 000 m und mehr) und einer küstenfernen, flacheren Station (2700 m) von Dezember 2006 bis Januar 2007 nachuntersucht.

Fazit: Die Tiefsee ist der größte und am wenigsten erforschte Lebensraum unseres Planeten. Ein Institut wie Senckenberg, das sich mit der Vielfalt des Lebens beschäftigt, ist prädestiniert, hierbei eine große Rolle zu spielen. Daher wird die Tiefsee auch in Zukunft sicher zu den Säulen unserer meeresbiologischen Forschung gehören. Auch weiterhin werden dabei große kooperative Projekte den Takt angeben, wie wir es bei CeDAMar schon gesehen haben. Die Qualität der Ergebnisse hängt aber auch und gerade bei solchen Großunternehmungen davon ab, dass die Beiträge von Spezialisten kommen, die ihr Handwerk verstehen. Daher wird Senckenberg auch in der Tiefseeforschung trotz der Allgemeingültigkeit der Fragestellungen und Aussagen immer mit speziellen Tiergruppen arbeiten. Die bisherige Entwicklung zeigt deutlich, dass dies kein Nachteil, sondern ein Vorteil ist.